
Die Rennenburg
Folgt man dem Weg von Winterscheid-Schreckenberg nicht hinab ins Derenbachtal, sondern geht am Holzkreuz von 1788 weiter in den Wald hinein, gelangt man mit etwas Aufmerksamkeit in die Tiefe der Zeit. Westlich von Winterscheid bildet ein auslaufender Bergrücken des Nutscheids im Winkel von Bröl und Derenbach einen Sporn, den Rennenberg. Auf ihm sind mehrere Wälle mit Gräben und ein Ringwall deutlich zu sehen, es sind die Reste der Rennenburg. Neben dem Waldweg bemerkt man bald den ersten Abschnittswall, der den Hügel gegen Osten abriegelt. Die weitläufige Anlage war nicht nur für Menschen bestimmt war, auch Vieh mußte hinter den Vorwerken Schutz finden. Der Weg in den Kern der Burg führt an einem etwa 3 m hohen Erdhügel vorbei, der vermutlich vom ehemaligen Tor oder einem Wachturm übriggeblieben ist. Das Plateau auf dem Hügel (150 x 80 m) umschließt ein verhältnismäßig niedriger Ringwall. Mehr war offensichtlich nicht nötig, da den eigentlichen Schutz die nach drei Seiten steil abfallenden Hänge des Rennenbergs bieten, die unten von Bröl und Derenbach wie von Wassergräben umflossen werden.
Die Rennenburg wurde mit Unterbrechungen seit dem ersten vorchrist-lichen Jahrhundert bis zum Mittelalter genutzt. Die Bauweise solcher Anlagen war von der Jungsteinzeit bis ins Mittelalter allgemein verbreitet. Wände aus Baumstämmen oder Balken bildeten einen Zwischenraum, der mit Erde und Steinen ausgefüllt wurde, darauf wurden eine mehr oder weniger hohe Brustwehr und andere Aufbauten aus Holz errichtet. Mit der Zeit verrottete das Holz, das Bauwerk verfiel und Erdwälle blieben übrig. Die bei den Wällen auf dem Rennenberg gefundenen Keramikscherben stammen hauptsächlich aus dem 9. und 10. Jahrhundert, aus karolingischer und ottonischer Zeit. Der Nutscheid lag auch vor mehr als 1000 Jahren nicht außerhalb der Welt, sondern politische und kriegerische Ereignisse im Rheinland werden je nach dem einen Wiederaufbau oder Ausbau oder den Verfall der Burg zur Folge gehabt haben.
Der Günstig gelegene Platz auf dem Sporn des Rennenbergs ist mehr-fach als Verteidigungsanlage genutzt worden. Wegen der Bedrohung durch das Reitervolk der Ungarn, die etwa ab 900 in deutschen Land-schaften bis über den Rhein (z.B. 911 Köln) hinweg plünderten, brandschatzten und Sklaven fingen, erließ König Heinrich I. 926 eine Burgenordnung. Überall im Land mußten befestigte Plätze angelegt werden, wohin die Bevölkerung mit ihrer wichtigsten Habe sofort fliehen können sollte, wenn plötzlich die wilden Reiter in der Gegend erschienen. Aber erst König Otto I. gelang es, die Ungarn 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg so vernichtend zu schlagen, daß sie danach in ihrem Stammland seßhaft wurden und das Christentum annahmen. Die Heinrichsburgen sind selten Neubauten gewesen, häufig wurden ältere, z.T. damals schon verfallenen Anlagen wiederhergestellt und aus-gebaut. Wegen der anhaltenden Bedrohung des Rheinlands durch die Wikinger seit 880, könnte die Befestigung auf dem Rennenberg schon in der Karolingerzeit gepflegt und bemannt worden sein. Und einige Generationen vorher, während der Kriege des fränkischen Königs Karls mit den Sachsen (772-804), lag die hiesige Gegend zwischen den Siedlungsgebieten der sich bekämpfenden Stämme und bot sich als Durchmarschgebiet oder Rückzugsraum an. Die Menschen an den Ufern der Sieg bei Hennef und Bödingen taten gut daran, den Rennenberg zu befestigen, um sich durch das Bröltal ins Bergige und Waldige zurückziehen zu können, wenn sie sich durch Kämpfe in der Rheinebene bedroht fühlten oder eine kriegerische Schar in der Umgebung erschien. Weiter westlich bot der Michaelsberg bei Siegburg oder das Siebengebirge Zuflucht.
Die Rennenburg ist ein Beispiel für die Wiederbenutzung und den Ausbau einer vorgeschichtlichen Ringwallanlage. Strategisch günstig gelegene Plätze behielten unter wechselnden Umständen jahrhundertelang ihre Bedeutung. Nachweislich aus der späten Eisenzeit im letzten vorchristlichen Jahrhundert stammende Wehrbauten in unserer Gegend sind z.B. der Lüderich bei Overath, die Erdenburg bei Bensberg, der Güldenberg in der Wahner Heide oder der Petersberg im Siebengebirge. Wie bei diesen Anlagen fand man auf der Rennenburg Scherben und eine Brandschicht aus dem letzten Drittel des ersten vorchristlichen Jahrhunderts. Viel spricht dafür, daß die Rennenburg zu den Höhenfestungen der germanischen Sugamber gehörte, die um die Mitte des 1. Jahrhunderts v.Chr. errichtet und bald danach wieder aufgegeben wurden. Die Funde geben keinen Aufschluß, ob vor den Sugambern die Rennenburg genutzt wurde. Aber der günstig gelegene Platz auf dem Sporn des Rennenbergs könnte in vorgeschichtlicher Zeit ein befestigter Posten an der Nutscheidstraße gewesen sein, die zu einem verzweigten Netz vorgeschichtlicher Fernstraßen gehörte.
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